Gutachten

Perspektivgutachten sowie Gutachten in Unterbringungsfragen und Clearingaufträgen in schwierigen Fallverläufen

Die Praxis der Kinder- und Jugendhilfe sowie auch wissenschaftliche Evaluationen zeigen, dass es einen Prozentsatz von ca. 4-5% des Jugendhilfeklientels gibt, welches durch die Hilfen zur Erziehung nicht oder nur kaum erreicht zu werden scheint und so eine „Maßnahmekarriere“ hinter sich bringt. Diese je nach Autor als „Hoch-Risiko-Klientel“, „die Schwierigsten“, „Riskant agierende junge Menschen“ oder „Systemsprenger“ benannten jungen Menschen stellen die Helfenden vor besondere Herausforderungen. Die Hilfeverläufe sind gekennzeichnet durch Diskontinuität, zahlreiche Abbrüche und immer weiter eskalierende Dynamiken. Die Helfersysteme scheinen hilflos und die Gestaltung der Hilfen ähnelt allzu oft eher einem „Try-and-Error-Spiel“ denn einem systematischen Prozess.

Professor Dr. phil. habil. Menno Baumann ist Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf und seit vielen Jahren Bereichsleiter des Jugendhilfeträgers Leinerstift evangelische Kinder-, Jugend und Familienhilfe e.V.
Aus dieser Expertise heraus bieten wir „Perspektivgutachten in schwierigen Fallverläufen“ sowie Sachverständigengutachten für Unterbringungsverfahren nach §1631b an, um Hilfeverläufe in ihrer inneren Logik verstehbar zu machen und so konkrete Möglichkeiten der Unterstützung der jungen Menschen zu erarbeiten.

Leitung des Teams:

Professor Dr. phil. habil. Menno Baumann (Sonderpädagoge, Erziehungswissenschaftler)

  • Seit 2015 Professor für Intensivpädagogik an der Fliedner-Fachhochschule Düsseldorf (in Teilzeit)
  • Seit 2010 Bereichsleiter im Leinerstift e.V., Bereiche u.a. „Innovative Hilfen“ (für Systemsprenger) sowie des Therapeutischen Fachdienstes, der Clearinggruppe sowie der Schulsozialarbeit
  • Seit 2003 in verschiedensten Kontexten der Erziehungshilfe tätig
  • Mehrjährige Erfahrung in der Begutachtung und Perspektiventwicklung in schwierigen Fallverläufen
  • Promotion zum Thema erziehungswissenschaftlicher Relevanz (entwicklungs-) neuropsychologischer und emotionspsychologischer Erkenntnisse
  • 2008-2014 Lehrender für das Fachgebiet Pädagogik bei Verhaltensstörungen/ Erziehungshilfe an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg (in Teilzeit)
  • 2009-2014 Mitarbeit im Ambulatorium für Rehabilitationspädagogik an der Universität Oldenburg, Fachgebiet: Verstehende Diagnostik bei drohendem Dropout
  • Initiator und Leiter des Bildungsnetzwerkes Großefehn/ Wiesmoor
  • Habilitation und Ernennung zum Privatdozenten im Fachgebiet Pädagogik bei Verhaltensstörungen/ Erziehungshilfe an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg: Forschungsschwerpunkte: Hoch-Risiko-Klientel, „Systemsprenger“, Aufwachsen in sozialer Randständigkeit, Diagnostik und Intervention
  • zahlreiche Publikationen zu den Themenschwerpunkten Hoch-Risiko-Klientel in Jugendhilfe und Schule (Systemsprenger), Jugend in sozialer Randständigkeit, Gewalt und Aggression

Weitere Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen

Viviane Albers

  • Master of Education Sonderpädagogik, Päd. bei Beeinträchtigung des Verhaltens/ emotionale und soziale Entwicklung
  • Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, Lehrgebiet Pädagogik bei Beeinträchtigung des Verhaltens/ emotionale und soziale Entwicklung
  • Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeutin in Ausbildung an der Hochschulambulanz der CvO Universität Oldenburg
  • Praktische Erfahrungen als pädagogische Mitarbeiterin im Bereich „Innovative Hilfen“ im Leinerstift e.V. sowie als Förderschullehrkraft an der Johann-Heinrich-Leiner-Schule

Tijs Bolz

  • Master of Education Sonderpädagogik, Päd. bei Beeinträchtigung des Verhaltens/ emotionale und soziale Entwicklung
  • Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg, Institut für Sonder- und Rehabilitationspädagogik, Lehrgebiete: Sonder- und Rehabilitationspädagogische Psychologie sowie Pädagogik bei Beeinträchtigung des Verhaltens/ emotionale und soziale Entwicklung
  • Praktische Erfahrungen in Bereichen der Erziehungshilfe schulisch wie außerschulisch, insbesondere in Kontexten der Arbeit mit jungen Menschen mit Autismus-Spektrum-Störungen

Rosi Nasca

  • Master in klinischer Psychologie (Universität Enna, IT)
  • Therapeutische Fachkraft im Therapeutischen Fachdienst des Leinerstift e.V.
  • Erfahrungen als Psychologin in einer therapeutischen Intensivgruppe der Jugendhilfe

Anke Oltrop

  • BA Pädagogik an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
  • Berufsbegleitendes Studium Master Bildungswissenschaften am C3L der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg
  • Stellvertretene Teamleitung des Bereiches „Innovative Hilfen“ im Leinerstift e.V.
  • Erfahrungen als freie Mitarbeiterin einer regionalen Tageszeitung
  • Zwei Jahre Tätigkeit für einen Fort- und Weiterbildungsträger mit den Schwerpunkten „Kindeswohlgefährdung“, „Gewalt- und Konfliktmanagement/ Deeskalation“ sowie Konzeptarbeit

Fragestellungen der Begutachtung

Jedem Auftrag zur Begutachtung geht die Erarbeitung einer spezifischen Fragestellung voraus. Ist diese im Moment der Beauftragung noch nicht explizit formuliert, unterstützen und beraten wir den Auftraggeber gerne bei diesem Prozess oder bringen unsererseits einen konsensfähigen Vorschlag ein. Nach schriftlicher Formulierung oder Bestätigung einer solchen Fragestellung durch den Auftraggeber beginnt der eigentliche Prozess der Begutachtung.
Die Fragestellungen, die als Grundlage der Begutachtung dienen, können verschiedenste Bereiche des Erziehungs- und Entwicklungsprozesses jungen Menschen betreffen. Hierbei sind vor allem zu nennen:

  • Beratungsgutachten inklusive Empfehlungen und Perspektiven notwendiger Bedingungen für Hilfen im Rahmen von Hilfeplanungen SGB VIII, §§ 27 und 36, insbesondere für Hoch-Risiko-Klientel und Kinder und Jugendliche mit Mehrfach-Abbrüchen („Systemsprenger“) sowie JGG § 12 bei straffällig gewordenen Jugendlichen.
  • Fragen bezüglich des Familienrechts, BGB, insbesondere bei Fragestellungen der Unterbringung gemäß BGB § 1631 (b)
  • Stellungnahmen zu freiheitsentziehenden Maßnahmen im Rahmen des BGB, Buch 4 § 1906 mit Bezug zu SGB VIII, § 34 und/ oder § 42.

In sehr konkreten Fällen wird über die Aufnahme gutachterlicher Tätigkeiten bei abweichenden Fragestellungen vom oben genannten Spektrum eine Einzelfallabwägung getroffen. Das gewichtigste Entscheidungskriterium ist jeweils die Frage der fachlichen Expertise der Gutachter.

Wissenschaftliche Fundierung der Gutachten

Die Gutachtenerstellung erfolgt anhand wissenschaftlicher Kriterien. Dies gilt sowohl für den Aufbau des Gutachtens, der sich konsequent an der formulierten Fragestellung orientiert, als auch in der Ausrichtung der inhaltlichen Gestaltung und der Vorgehensweise. Als theoretische Bezugssysteme ziehen wir folgende, dem aktuellen Stand der Wissenschaft entsprechende Theorien und Ansätze heran:

  • Bindungstheorie, Resilienzforschung, Selbstpsychologie, Fraktale Affektlogik, Social Neuroscience, Salutogenese
  • Traumapädagogische und -psychologische Konzepte nach Sutterlüty, Gahleitner und Schmid
  • Systemische Beratung & Diagnostik
  • Verstehende Subjektlogische Diagnostik
  • Eskalationsmodelle nach Schwabe sowie nach Hardy/ Laszloffy

Zusätzlich beziehen wir je nach Fragestellung empirische Studien, die für den jeweiligen Auftrag relevante Erkenntnisse liefern, mit in die Auswertung unserer Ergebnisse ein. Dies betrifft sowohl statistische Daten quantitativer Erhebungen (z.B. evidenzbasierte Forschung) als auch qualitative Erörterungen und Einzelfallstudien, sofern deren Aussagen Bezug zum vorliegenden Fall aufweisen.

Methodisches Vorgehen

Während der Begutachtung kommen verschiedene Methoden sowohl in der Erhebung als auch in der Auswertung der Daten zum Einsatz. Im Bereich der analysierenden Methoden zur Erhebung des familiären Kontextes Arbeiten wir neben rein anamnestischen Gesprächen z.B. mit dem Familienbrett, Genogramm, Zeitstrahl, Instrumenten der Sozialraumanalyse sowie verschiedenen projektiven Verfahren.

Neben dem familiären Kontext wird die Lebenssituation sowie weitere relevante Lebensräume im Rahmen einer Kind-Umfeld-Diagnostik, vor allem der Feldtheoretischen Lebensraumanalyse, erforscht und auf vorhandene Ressourcen hin ausgewertet.

In der Analyse schwieriger Verhaltensweisen und Handlungsstrategien, die für die zu begutachtende Fragestellung von Bedeutung sind, kommen Ansätze verstehender Diagnostik zum Einsatz. In diesen Bereich gehören das Szenischen Verstehen, die Plananalytische Kinderdiagnostik sowie die Verstehende Subjektlogische Diagnostik.

Neben einer Ermittlung des „Ist-Standes“ spielt für die Begutachtung auch die Frage nach möglichen Potentialen, Ressourcen und Lösungsperspektiven der Betroffenen eine Rolle. Hierzu kommen Methoden und Techniken der Systemischen Gesprächsführung zum Einsatz, mittels derer ermittelt wird, ob und in welcher Form Veränderungsprozesse angeregt werden können, welche Unterstützung hierzu nötig sein wird und auf welche personalen und sozialen Ressourcen hierfür mobilisiert werden können.

Zusätzlich zu Gesprächen und der Aufarbeitung von Akten und Berichten werden auch systematische Beobachtungen durchgeführt. Dabei stehen vor allem Interaktionsprozesse zwischen Kindern und ihren Bezugspersonen im Mittelpunkt. Für die Beobachtung werden zuvor an der Fragestellung des Gutachtens orientierte Kriterien erarbeitet.

In der konkreten Umsetzung sind folgende Bausteine zur Datenerhebung standardmäßig einbezogen:

  • Gespräche mit und Hausbesuche bei den leiblichen Eltern und/ oder Erziehungsberechtigten
  • Einbeziehung weiterer relevanter Bezugspersonen und –Systemen des Kindes (z.B. Großeltern, Paten, Nachbarn etc.)
  • Informationsaustausch mit pädagogisch relevanten Institutionen (Schulen, Kindergärten, Jugendamt, bereits aktiven Hilfeträgern, Vereinen) und pädagogisch-therapeutischen Fachkräften
  • Beobachtung des Kindes in (möglichst) natürlichen Situationen und in der Interaktion mit seinen zentralen Bezugspersonen
  • Altersangemessene Ermittlung und Einbeziehung der Perspektive des Kindes mittels Spielsituationen und Gesprächen
  • Interdisziplinäre Fallbesprechungen

Grundsätze der Gutachtenerstellung

Unsere Gutachten folgen in Aufbau und Inhalt wissenschaftlichen Kriterien, werden aber sprachlich so aufbereitet, dass eine Nachvollziehbarkeit auch für Nicht-Fachpersonen gewährleistet ist. Alle getroffenen Aussagen werden im Datenmaterial belegt oder in den dahinterstehenden Gedankengängen soweit transparent gemacht, dass selbst für die begutachteten Personen eine inhaltliche verständliche Argumentation eröffnet wird (ohne das immer ein inhaltlicher Konsens möglich oder erstrebenswert erscheint).

Je nach Komplexität der Fragestellung und Dringlichkeit der Entscheidungsfindung sprechen wir mit den Auftraggebern einen verbindlichen und verantwortbaren Zeitrahmen für den Prozess der Begutachtung und die Übermittlung des Gutachtens ab.

Dabei sind wir uns der Komplexität der erzieherischen Realität bewusst. Aus diesem Grunde treffen wir in unseren Gutachten keine einfachen „Ja/ Nein-Entscheidungen“ und Aussagen, da solche pauschalen Aussagen weder wissenschaftlichen Kategorien entsprechen, noch in der Realität so einfach zu erfassen sind.

Unsere Gutachten beginnen mit einer klar formulierten Fragestellung sowie einer Beschreibung des Kontextes, der zur Begutachtung geführt und in dem die Begutachtung stattgefunden hat. Es folgt eine komplexe Analyse der Lebens-, Erziehungs- und Bildungssituation des Kindes, der Bedeutung einzelner Akteure, möglicher Entwicklungspotentiale und Resilienzfaktoren sowie gefährdender Aspekte. Daran anschließend geben wir eine Einschätzung des Entwicklungsstandes sowie der aktuellen psychischen Verfassung des Kindes.

Von dieser Ausgangslage aus können dann im Rahmen einer Interpretation der Ergebnisse Einschätzungen bezüglich der notwendigen Veränderungen zur Verbesserung der Lebens- und Entwicklungschancen des Kindes gegeben werden. Gleichzeitig ermitteln wir Ressourcen, die zum Kindeswohl genutzt werden können und geben eine Einschätzung, ob und mit welcher Unterstützung die unmittelbaren Bezugspersonen (z.B. Sorgeberechtigte) zeitnah in der Lage sind, gefährdende Aspekte abzuwenden und förderliche Faktoren zu mobilisieren. Je nach Fragestellung wird auch die Frage nach möglichen Hilfeformen gemäß SGB VIII erörtert. Die Interpretation erfolgt theoriegeleitet und mit Bezug zu aktuellen wissenschaftlichen Forschungsergebnissen aus den Erziehungswissenschaften und der Entwicklungspsychologie.

In einer Zusammenfassung werden dann noch einmal explizit die Fragestellungen des Gutachtens thematisiert. Somit liefern unsere Gutachten Grundlagen für eine weitere Planung und ggf. für juristische Entscheidungen, ohne sich selbst anzumaßen, diese durch einfache Aussagen beantworten zu können.